besucher schrieb am 20. Juni 2007 um 21:31:Diäten sind zum Abnehmen ungeeignet, Diätversprechungen z.B. in Frauenzeitschriften sind meist völlig unrealistisch (7 Pfund in 7 Tagen mit der Gurken-Ananas-Diät) und der Misserfolg (mit Versagensgefühlen) ist vorprogrammiert
Genau. Ich möchte noch was Grundsätzliches dazu sagen: Das Thema "Übergewicht" ist außerordentlich komplex. Es spielen von der Psychologie bis zur Biogenetik alle mit. Jeder, der meint, zu dem Thema was rausgefunden zu haben meint, den Schlüssel entdeckt zu haben. Viele, die das dann lesen, meinen, den Schlüssel für ihr Problem gefunden zu haben. Dabei ist es immer nur ein Puzzlestück, vorausgesetzt, das Gefundene ist überhaupt relevant.
Es geht ja schon damit los, was wir mit dem Begriff "Übergewicht" meinen. Wo ist der Referenzpunkt? Wer genauer hinschaut, merkt, dass es diesen Punkt so gar nicht gibt, man erhält vielmehr den Eindruck, dass dieser Begriff weniger medizinisch sondern kulturell geprägt ist.
Ich meine nicht die Extreme. Wer an Mager- oder Fettsucht leidet, gehört in Behandlung. Dazwischen sind aber die meisten Menschen, die sich irgendwelche Diäten reinziehen um irgendwas zu erreichen.
Udo Pollmer sagte einmal recht plastisch, dass wohl niemand auf die Idee käme, eine "ideale" Schuhgröße zu proklamieren. Beim Gewicht tun das aber viele. Die, die zufällig das "Idealgewicht" haben, freuen sich, die anderen werden in eine Rolle gedrängt, in der sie doch endlich ihre Schwächen zur Kenntnis nehmen sollen. Man kann das durchaus als Psychoterror benennen. Es ist schon bedenkenswert, wenn in neuen Studien rauskommt, dass die Menschen die längste Lebenserwartung haben, die momentan als "leicht übergewichtig" gelten.
Menschen sind nun mal tatsächlich verschieden. Das Körpergewicht dürfte zu einem großen Prozentsatz genetisch bedingt sein; die Manifestation natürlich gesellschaftlich. Es mag durchaus sein, dass diese Manifestation heutzutage tendentiell "negativ" (für wen?) ist, da ein permanentes Überangebot an Nahrung verbunden mit wenig Bewegung noch nie allgemein evolutionär bestimmend war, die Gene also diesbezüglich etwas überschwenglich, da bisher unwichtig in der Begrenzung nach oben.
Da kann man schon mal nachdenken. Aber man muss es gründlich und lange tun. Ernährungswissenschaftler und Medien tun das jedenfalls nicht.
Man sieht das an der Front: Standardspruch ist, wer zu viel wiegt, hat zuviel gegessen. Ohne Frage wahr. Blanke Biophysik. Die Frage *Warum* jemand zu viel isst, wird monoton mit "Willensschwäche" beantwortet.
Dass die Nahrungsaufnahme so wie der Sexualtrieb eines Lebewesens (hier Mensch) so grundlegend wichtige Funktionen sind, dass sie natürlich von ganz allten Einrichtungen (z.B. Stammhirn) größtenteils gesteuert werden und unsere junge Denkmaschine namens Großhirn darauf nur wenig Einfluss hat - sowas ist in der "offiziellen" Diskussion meist außen vor. Wer verliebt ist macht jeden Schei-ß - wer Hunger hat, auch. Ist das alles heute wirklich so postmodern, dass sowas keinem mehr "offiziell" auffällt?
Jeder handelt grundsätzlich erstmal "irrational". Nachdem das weit streut, decken sich dann manche Handlungsweisen mit rationalen. Und die zufällig als "rational" ettiketierten beschuldigen dann die anderen. Diese Denkfalle muss man erst mal kapieren - die allermeisten (wenn es um Ernährung geht) tun das überhaupt nicht.
Es ist ein hochkomplexes Thema: Es fängt damit an, ob hier überhaupt ein wirkliches Problem da ist.
Man verzeihe mir meine kurze Weitschweifigkeit.
Gruß,
Pjotr