Pianoman
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Die Aktion ist ein Skandal und der Schwachsinn der Argumentation von der Leyens ist wirklich beeindruckend. Wenn man den Induzierungsantrag liest, fragt man sich, ob das ihr zuarbeitende Personal sich - zum Nachweis der Fähigkeiten für´s BMFSFJ arbeiten zu können - wohl ins eigene Knie schießen musste.
So führt Indizierungsantrag folgendes Beispiel an:
Ferkel und Igel entdecken ein Plakat, auf dem steht: " Wer Gott nicht kennt,dem fehlt etwas! Deshalb machen sie sich auf den Weg zum Tempelberg, wo eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee stehen, und lassen sich von einem Rabbiner, einem Bischof und einem Mufti erzählen, was es mit Gott auf sich hat. Als die Rede auf die Sinflut kommt, stellte das kleine Ferkel unter anderem fest, dass alle Ferkel, die nicht auf der Arche sein konnten, wohl ertrinken mussten und stellt entsprechend kritische Fragen.
Die Argumentation des BMFSFJ geht dahin, dass durch die Anführung des Beispiels der "Sintflut", "durch welche Menschenbabys, Omas und Tiere" vernichtet worden seien, die jüdische Religion als besonders Angst einflößend und grausam dargestellt. Dies ergebe sich aus folgenden Textpassagen:
"Eines Tages", sagte der Rabbi, ärgerte sich Gott, der Herr, so sehr über die Menschen, dass er sich entschloss, alles Leben auf der Erde zu vernichten. "Alles Leben?", fragte das Ferkel erschrocken. "Alle Menschenbabys, alle Omas und alle Tiere. Auch die Ferkel, die Igel, die Schmetterlinge und die kleinen Meerschweinchen?" "Ja. alles Leben !", antwortete der Rabbi.
Nun ist aber die Geschichte der Sintflut genauso Teil der heutigen christlichen Bibel und somit auch ein Teil der christlichen Religion.
Wörtlich steht in der Lutherbibel in der Fassung von 1984 bei 1. Moses 7:
Und die Wasser nahmen überhand und wuchsen so sehr auf Erden, dass alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel bedeckt wurden. Fünfzehn Ellen hoch gingen die Wasser über die Berge, sodass sie ganz bedeckt wurden. Da ging alles Fleisch unter, das sich auf Erden regte, an Vögeln, an Vieh, an wildem Getier und an allem, was da wimmelte auf Erden, und alle Menschen. Alles, was Odem des Lebens hatte auf dem Trockenen, das starb. So wurde vertilgt alles, was auf dem Erdboden war, vom Menschen an bis hin zum Vieh und zum Gewürm und zu den Vögeln unter dem Himmel; das wurde alles von der Erde vertilgt. Allein Noah blieb übrig und was mit ihm in der Arche war. Und die Wasser wuchsen gewaltig auf Erden hundertundfünfzig Tage.
Die kindlich formulierte Frage, ob auch alle Omas, Menschenbabys und Tiere sterben mußten, ist also durchaus berechtigt und es ist erst diese Naivität, die dem Leser bewußt macht welche Grausamkeiten in der Bibel beschrieben werden. Ein anderer großer Kinderbuchautor - Janosch - hat gerade diese naive kindliche Sichtweise auf die absurde Grausamkeit der christlichen Religion in seinem, allerdings für erwachsene Leser bestimmten Roman, "Polski Blues", beschrieben. Auch dort wird deutlich, dass besonders die kindliche Art der Fragestellung - frei von exegetischen Windungen - die Moral des Christengotts als Unmoral entlarvt.
Nun kann man davon ausgehen, dass auch von der Leyen der Inhalt der Luther-Bibel bekannt ist, und sie das Argument des Antisemitismus in Wirklichkeit als Schutz vor Kritik an ihrem eigenen Glauben benutzt. Und das hat einen konkreten Hintergrund: Im Rahmen der staatlich legitimierten religösen Indoktrination - genannt Religionsunterricht - soll Schüler(innen) deutscher Schulen dem Gott der Bibel begegnen als einem, der “befreit, begleitet, versöhnt, stärkt, tröstet, begeistert”, und von dem Glauben erfahren, “dass Gott die Welt geschaffen hat und vorbehaltlos liebt”. So steht es in der Präambel eines aktuellen Bildungsplans für die Primarstufe in Baden-Würtemberg.
Deshalb werden in aktuellen Schul- und Kinderbibeln konsequent die "harten Stellen" oder anders ausgedrückt, die negativen Charaktereigenschaften des alttestamentarischen Gottes - Rach- und Eifersucht, Neigung zum Genozid, oder der unübersehbare Hang zur Gewalt - ohne große Bedenken umgeschrieben oder einfach weggelassen.
Bedenklich ist dabei, dass hier eine geschichtsvergessene Neuinterpretation biblischer Texte stattfindet, deren Ziel es ist, von der Diskussion über die Inhumanität der Religionen - auch und besonders der christlichen - abzulenken. Denn schließlich verfügt man ja über eine selbstverliehene Legitimation, ethisch-moralische Urteile über andere Religionen und deren inhumanes Menschenbild zu fällen. Letztendlich geht es also um aktuelle Politik und den Anspruch als "Leitkultur". Und ich habe den Eindruck, dass bestimmte christdemokratischen Kreise der Auffassung sind, dass nicht Aufklärung und ein kultur- und weltanschauungsübergreifender Humanismus das Fundament unserer Gesellschaft sein sollte, sondern ein nur weichgespültes - möglichst römisch-katholisches, auf jeden Fall aber biblisches begründetes - Glaubensbekenntnis.
Zu diesen Bestrebungen passt aber ein religionskritisches Kinderbuch nun ganz und gar nicht.
Wer allerdings die Diskussion über Religionen und deren Einfluss auf die Gesellschaft für notwendig hält, sollte sich in aller Deutlichkeit gegen diesen Indizierungsantrag aussprechen. Die Zeiten, in denen Diskussionen per Dekret beendet wurden, sind vorbei. Jugend wird nicht durch Religionskritik, sondern höchstens durch Religion selbst gefährdet.
Pianoman
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