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Info: ÖKO-TEST Nahrungsergänzungsmittel
15. Juli 2008 um 21:29
Artikel erschien in: ÖKO-TEST Kompakt Vitamine Rubrik: Magazin
Teures Geld für wenig Nutzen
Vitamine sind gesund, Mineralstoffe auch. Da kann eine kleine Extraportion nur guttun. Die Pharmabranche nimmt Milliarden mit Vitaminprodukten und Pflanzenextrakten ein. Dabei verspricht sie viel und kann wenig beweisen. Sinnvoll sind die Präparate nur in wenigen Fällen.
Die Werbeaussagen klingen verlockend: "Glänzende Haare" mit Biotinpräparaten, ACE-Vitamine als "aktiver Zellschutz", Magnesium "für entspannte Nerven", Zink als "Erkältungsschutz". Die Hersteller der Pillen, Pulver, Kapseln und Tropfen profitieren vom guten Ruf der Vitamine und Mineralstoffe. Denn damit werden positive Begriffe wie Wohlbefinden, Stärke, Energie und ein gesundes Immunsystem verbunden. Zu Recht. Doch sind Präparate wirklich eine Alternative oder zumindest eine sinnvolle Ergänzung zu natürlichen Nährstofflieferanten wie Obst und Gemüse, Vollkorn, Fisch oder Milchprodukten?
Leiden wir an Nährstoffmangel?
Hierzulande isst jeder im Schnitt 250 Kilogramm Obst und Gemüse im Jahr - und damit mehr als in den vergangenen 50 Jahren. Zudem trinken wir 40 Liter Fruchtsaft und Fruchtnektar pro Kopf und Jahr und sind damit Saft-weltmeister. Viele Verzehrstudien, in denen akribisch die täglichen Mahlzeiten und Naschereien der Deutschen erfasst und mit Nährwerttabellen verrechnet wurden, sind denn auch zu dem Ergebnis gekommen: Im Durchschnitt sind wir gut versorgt. Leichte Defizite bestehen nur bei Folsäure und Vitamin D.
Aber enthalten Obst und Gemüse nicht viel weniger Nährstoffe als früher?
Dazu hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) Experten aus 60 Forschungsinstituten befragt. Das Fazit: Der Nährstoffgehalt pflanzlicher Lebensmittel ist seit Jahrzehnten unverändert. Den Nährstoffgehalt der Böden schätzen die Experten aufgrund intensiver Düngung sogar höher ein als früher. Auch tierische Produkte enthalten heute eher mehr Vitamine und Mineralstoffe als früher. Exemplarisch hat die DGE zudem anerkannte internationale Nährwerttabellen verglichen. Demnach sind die Vitamin- und Mineralstoffgehalte von acht Lebensmitteln - darunter Tomaten, Spinat, Orangen, Kartoffeln und Äpfel - von 1972 bis 2000 im Großen und Ganzen gleich geblieben.
Wer sollte zusätzlich Nahrungsergänzungsmittel einnehmen?
Grundsätzlich sind Nahrungsergänzungsmittel für gesunde Personen, die sich normal ernähren, überflüssig. Abweichend vom Durchschnitt gibt es Menschen, bei denen der Nährstoffbedarf erhöht ist oder die sich zu einseitig und damit nährstoffarm ernähren. In den meisten Fällen gilt, dass sich auch ein erhöhter Bedarf durch eine bewusste Ernährung decken lässt. Bei Rauchern, Gewohnheitstrinkern oder Fast-Food-Junkies ist es gesünder, die Lebens- und Ernährungsgewohnheiten zu ändern, als mit Hilfe von Vitaminpillen die Schäden einer ungesunden Lebensweise zu begrenzen. Nur bei wenigen Nährstoffen und in speziellen Fällen halten Ernährungswissenschaftler eine Ergänzung für sinnvoll. Auch chronische Krankheiten wie Krebs oder Magen-Darm-Erkrankungen, die die Nährstoffaufnahme behindern, können zu Mangelerscheinung führen.
Wer kauft solche Mittel?
36 Prozent der Bundesbürger kaufen Nahrungsergänzungsmittel. Darunter sind etwas mehr Frauen als Männer. Mit dem Alter und dem Grad der Bildung steigt der Griff zur Nährstoffpille, haben Marktforscher herausgefunden. Nur einem Viertel hat ein Arzt die Einnahme von Präparaten empfohlen. Das Robert-Koch-Institut und die Fachhochschule Hamburg haben festgestellt, dass sich die typischen Pillenkäufer besonders gesund ernähren, mehr Sport treiben als der Durchschnittsbürger und auch nicht so dick sind. Die Autoren der Studie vermuten, dass diese Menschen "aber immer noch meinen, durch die Einnahme derartiger Präparate zusätzlich etwas für ihre Gesundheit tun zu müssen".
Was darf in Nahrungsergänzungsmitteln enthalten sein?
Die EU-Richtlinie für Nahrungsergänzungsmittel erlaubt den Einsatz von 13 Vitaminen und 15 Mineralstoffen. Daneben ist aber auch die Verwendung von "sonstigen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung" gestattet. Genauer definiert die Richtlinie diese Stoffe nicht. Nur in der Begründung sind als Beispiele "Aminosäuren, essenzielle Fettsäuren, Ballaststoffe und verschiedene Pflanzen- und Kräuterextrakte" genannt. Die deutschen Überwachungsbehörden versuchen, diese Rechtslücke mit einem Verweis auf die Zusatzstoffverordnung zu füllen. Sie regelt, welche Substanzen einem Lebensmittel - und das sind Nahrungsergänzungsmittel - zugesetzt werden dürfen. Für Pflanzenextrakte wie Ginseng gilt, dass sie nicht wegen ihrer medizinischen Wirkungen eingesetzt werden dürfen, sondern nur wegen ihres Nährwertes, ihres Genusswertes oder wegen des typischen Geschmacks. In der Praxis sorgen diese Regelungen für eine große Grauzone.
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