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Öko-Stromtarife

Die Spreu vom Weizen trennen

Viele Öko-Stromanbieter gehen mit geschönten Angaben auf Kundenfang. Und das sogar legal, weil sie Gesetzeslücken geschickt nutzen. Doch unser Test zeigt: Es gibt auch rundum saubere Angebote

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19.10.2017 | Der Konkurrenzkampf der Stromanbieter wird härter, auch im Markt der Öko-Stromer. So hat im Sommer 2017 ein wirtschaftlicher Riese erstmals seinen Hut in den Ring geworfen: die Deutsche Bahn (DB). Und nach Aldi bietet nun auch Lidl grünen Strom an. Auch die guten alten Energiekonzerne, die noch hauptsächlich Strom mit Kohle und Atomenergie erzeugen, stürmen an den Öko-Markt, offerieren ihre Angebote aber durch Zweitanbieter oder Tochterfirmen. Zudem haben fast alle Stadtwerke Öko-Strom auf ihren Listen.

Mit dem Angebot steigt anscheinend auch die Nachfrage. So erreichte der Anteil von Öko-Strom am gesamten Strombedarf im ersten Halbjahr 2017 erstmals die 35-Prozent-Marke. Das sind zwei Prozentpunkte mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum, so vorläufige Berechnungen des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) und des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Öko-Strom boomt, allerdings schmücken sich Anbieter oft mit geschönten Angaben.

So sind viele Stromangebote, die sie im Internet eindrucksvoll mit mächtigen Windrädern und gigantischen Wasserkraftwerken bewerben, nur zu einem Teil grün - wenn überhaupt. Was viele als Kundentäuschung sehen, ist noch nicht mal illegal, denn teils gibt der Gesetzgeber die Irreführung sogar vor.

Die absurde Gesetzeslage: Die meisten Stromversorger publizieren in ihrer Stromkennzeichnung einen hohen Anteil "Erneuerbare Energien gefördert nach dem EEG". Hinter diesem Wert verbirgt sich aber nicht der Öko-Stromanteil im Strommix des Versorgers selbst. Er bezieht sich stattdessen auf die Höhe der im Versorgungsgebiet erhobenen EEG-Umlage. Beliefert ein Versorger viele von der EEG-Umlage befreite industrielle Großabnehmer, sinkt der Anteil des "EEG-Stroms"; hat er viele Privatkunden, steigt er. Der Strommix eines Versorgers wird so "grün gefärbt".

Öko-Stromanbieter wie Greenpeace Energy, Lichtblick und Naturstrom sowie Umweltschützer fordern deshalb eine gesetzliche Neuregelung und haben schon Vorschläge gemacht, die bei der alten Bundesregierung aber nicht auf Gehör gestoßen waren.

Weiterer Knackpunkt: Die gesetzliche Stromkennzeichnung eröffnet Anbietern die Möglichkeit, sich umweltfreundlicher darzustellen, als sie wirklich sind. Denn der Wert für "Erneuerbare Energien, gefördert nach dem EEG" bezieht sich auf den Stromverbrauch im Versorgungsgebiet. Der in der Stromkennzeichxnung zum Vergleich gegenübergestellte Bundesmix bezieht sich aber auf die Stromerzeugung. Diesen Systemfehler nutzen viele Unternehmen und behaupten, der von ihnen gelieferte Strom enthalte einen höheren Anteil an erneuerbaren Energien als der bundesweite Durchschnitt. Sie erwecken damit den Eindruck, dass sie mehr Grünstrom für ihre Kunden beschaffen, als sie es tatsächlich tun.

"Das ist pure Verbrauchertäuschung und Etikettenschwindel, der ähnlich dramatisch ist wie die Schummelei bei den Abgaswerten von Dieselfahrzeugen", sagt Gero Lücking, Geschäftsführer für Energiewirtschaft beim Öko-Energieunternehmen Lichtblick. Peter Ahmels, Bereichsleiter Energie und Klimaschutz der Deutschen Umwelthilfe, prangert die aktuelle Gesetzesgrundlage an: "Der Gesetzgeber nimmt bewusst in Kauf, dass die Kennzeichnung von Stromtarifen nicht die Stromeinkaufspolitik der Anbieter abbildet." Um dem einen Riegel vorzuschieben, fordert das Bündnis eine Stromkennzeichnung, die wieder zu 100 Prozent dem Stromeinkauf entsprechen müsse.

Doch der Etikettenschwindel geht noch weiter. Da sich die Herkunft von Strom, der beim Endkunden aus der Steckdose fließt, aus einem nicht verifizierbaren Mix aus Graustrom und Grünstrom zusammensetzt, können Stromanbieter zur Dokumentation ihres jeweiligen Grünstromanteils sogenannte Herkunftsnachweise direkt beim Grünstromerzeuger, über die Strombörse (EEX) oder spezialisierte Zwischenhändler erwerben. Diese Nachweise dokumentieren unter anderem, aus welcher Energiequelle der vom Erzeuger jeweils angebotene Strom stammt, wo die Erzeugeranlage steht und wie alt diese ist. Die Herkunftsnachweise belegen, dass der Strom ins Netz eingespeist wurde. In aller Regel sind sie allerdings von der Strombeschaffung losgelöst. Der Strom selbst wird zumeist an der Strombörse gekauft.

Ob Anbieter tatsächlich einen Beitrag zum Umweltschutz leisten und die Energiewende fördern, ist deshalb nicht sichergestellt. Stammen die Herkunftsnachweise zum Beispiel aus alten Wasserkraftwerken, die im vergangenen Jahrtausend vornehmlich in skandinavischen Ländern und den Alpenländern erbaut wurden, leisten sie keinen Beitrag zum weltweiten Umweltschutz. Denn steigt die Nachfrage nach dieser Wasserkraft in Deutschland, fehlt das Angebot in den Erzeugerländern.

Ein Beitrag zum Umweltschutz und zur Energiewende kann nur dann geleistet werden, wenn der Öko-Strom aus neuen Anlagen stammt. Gleichzeitig besagt die Stromkennzeichnung selbst nichts über die allgemeine Unternehmensstrategie des Stromversorgers, zum Beispiel ob das Unternehmen selbst Kohle- oder Kernkraftwerke betreibt.

Das verschweigen manche Öko-Stromanbieter und schmücken sich stattdessen mit Gütesiegeln. Bei der Vielzahl dieser Labels ist es für die Kunden aber nahezu unmöglich zu erkennen, welchen Wert sie haben. Da ist es gut, wenn allgemein anerkannte Siegel wie das OK-Power-Label des gemeinnützigen Vereins Energievision und das Grüner Strom Label Gold, dessen Träger Verbraucherschutz- und Umweltschutzverbände wie der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) sind, die Spreu vom Weizen trennen.

Stromtarife, die diese Prüfungen überstanden haben oder vergleichbare Zertifikate vorweisen, werden in die EcoTopTen des Freiburger Öko-Instituts aufgenommen, gefördert vom Bundesministerium für Umwelt. Die Freiburger untersuchen, welche Öko-Stromtarife einen Fortschritt für die Verbraucher und die Umwelt bieten. Bei Angeboten, die mit diesen Gütesiegeln ausgezeichnet sind, ist davon auszugehen, dass sie den besten Standard bieten. Sie sind deshalb von ÖKO-TEST in der Zwischennote Testergebnis Tarif alle als "sehr gut" eingestuft.

Doch auch bei Tarifen mit Labeln wie OK-Power oder Grüner Strom stellt sich die Frage, ob die Anbieter nicht nebenbei auch konventionellen Strom aus Quellen wie Atomenergie oder Kohle verkaufen oder ob das Unternehmen aus ihrem Firmenverbund tun, die womöglich sogar Eigner oder Betreiber eines Atomkraftwerks sind. Deshalb hat ÖKO-TEST alle bundesweit angebotenen Tarife der EcoTopTen noch einmal unter die Lupe genommen. Denn nicht nur das ökologisch korrekte Produkt ist entscheidend, sondern auch die gesamte Geschäftsausrichtung des Anbieters und der mit ihm verbundenen Unternehmen.

Das Testergebnis

Sehr gut im Tarif reicht oft nicht. Von den 29 bundesweiten Öko-Stromangeboten der EcoTopTen, die für ihren Tarif alle als "sehr gut" eingestuft sind, erhalten nur 18 auch das Gesamturteil "sehr gut". Nur diese Unternehmen verkaufen ausschließlich Öko-Strom nach den strengen Qualitätskriterien der EcoTopTen und sind zudem nicht mit konventionellen Anbietern verflochten.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Die Auswahl
Grundlage für den Test waren die bundesweit verfügbaren Öko-Stromangebote, die die EcoTopTen des Öko-Instituts empfehlen.

Die Ökologie
Der Tarif soll einen ökologischen Zusatznutzen aufweisen, der über die Anforderungen des EEG hinausgeht. Das bedeutet beispielsweise, dass die Anbieter rund ein Drittel des verkauften Öko-Stroms aus Erneuerbare-Energien-Anlagen beziehen, die nicht älter als sechs Jahre sind. Alternativ können sie auch einen bestimmten Teil des Strompreises in den Ausbau von regenerativer Stromerzeugung investieren. Der Nachweis zur Einhaltung der ökologischen Mindestkriterien kann durch eine gültige Zertifizierung mit dem Ok-Power-Label oder dem Grüner Strom Label Gold erfolgen. Alternativ kann die Einhaltung durch unabhängige und fachkundige Gutachter zertifiziert werden.

Die Ökonomie
Die jährlichen Gesamtkosten der Öko-Stromangebote dürfen maximal 20 Prozent höher als der Durchschnittspreis für konventionelle Stromangebote sein. Die Preisangaben basieren auf Herstellerangaben. Die Preise können teilweise, je nach Verbrauchsmenge und Postleitzahlengebiet, variieren.

Das konventionelle Stromangebot
Hier wurde erfasst, ob der Anbieter selbst neben zertifiziertem Öko-Strom noch mit konventionellen Produkten am Markt ist und/oder das bei einer Firma aus seinem Firmenverbund der Fall ist. Zudem interessierte uns der Strommix dieser Angebote.

Die Unternehmensstruktur
Hier wurde untersucht, ob die Anbieter unabhängig oder Eigentum oder Miteigentum anderer Unternehmen sind. Ebenso, welche Unternehmen zum Firmenverbund gehören.

Die Bewertung
Wer sich für grünen Strom entscheidet, will etwas für die Umwelt tun. Daher soll das Geld - auch nicht zum Teil - nicht bei Firmen landen, die nebenbei oder sogar hauptsächlich konventionellen Strom verkaufen oder konventionellen Anbietern (teilweise) gehören. Für die Angebote solcher Firmen kann es kein "sehr gut" im Gesamtergebnis geben. Noch strenger sind wir, wenn dem konventionellen Angebot Atomstrom beigemixt wird oder ein AKW-Eigner/-Betreiber Teil des Firmenverbunds des Anbieters ist.

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