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ÖKO-TEST Dezember 2017
vom

Öko-Stromtarife

Die Spreu vom Weizen trennen

Viele Öko-Stromanbieter gehen mit geschönten Angaben auf Kundenfang. Und das sogar legal, weil sie Gesetzeslücken geschickt nutzen. Doch unser Test zeigt: Es gibt auch rundum saubere Angebote.

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23.11.2017 | Der Konkurrenzkampf der Stromanbieter wird härter, auch im Markt der Öko-Stromer. Oder vielleicht gerade da. So hat im Sommer 2017 ein wirtschaftlicher Riese erstmals seinen Hut in den Ring geworfen: die Deutsche Bahn (DB). Und nach Aldi bietet nun auch der Megadiscounter Lidl grünen Strom an. Auch die guten alten Energiekonzerne, die immer noch hauptsächlich Strom mit Kohle und Atomenergie erzeugen, stürmen an den Öko-Markt, offerieren ihre Angebote allerdings durch Zweitanbieter wie Eon über Lidl oder gründen wie RWE mit Innogy Tochterfirmen mit Grünstromprodukten.

Mit dem Angebot steigt auch die Nachfrage. So erreichte der Anteil von Öko-Strom am gesamten Strombedarf im ersten Halbjahr 2017 erstmals die 35-Prozent-Marke. Das sind zwei Prozentpunkte mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. Kein Wunder, dass viele Anbieter sich mit solchen Angeboten im Konkurrenzkampf schmücken möchten - allerdings oft mit geschönten Angaben. So sind viele Stromangebote, die sie im Internet eindrucksvoll mit mächtigen Windrädern und gigantischen Wasserkraftwerken bewerben, nur zu einem Teil grün - wenn überhaupt. Was viele als Kundentäuschung sehen, ist noch nicht mal illegal, denn teils gibt der Gesetzgeber die Irreführung sogar vor.

Die absurde Gesetzeslage: Die meisten Versorger publizieren in ihrer Stromkennzeichnung einen hohen Anteil "Erneuerbare Energien gefördert nach dem EEG". Dahinter verbirgt sich aber nicht der Öko-Stromanteil im Strommix des Versorgers selbst. Er bezieht sich stattdessen auf die Höhe der im Versorgungsgebiet erhobenen EEG-Umlage. Beliefert ein Anbieter viele von der EEG-Umlage befreite Großabnehmer, sinkt der Anteil des "EEG-Stroms"; hat er viele Privatkunden, steigt er. Der Strommix eines Versorgers wird dadurch häufig "grün gefärbt".

Öko-Stromanbieter wie Greenpeace Energy, Lichtblick und Naturstrom sowie Umweltschützer fordern deshalb eine gesetzliche Neuregelung und haben auch schon detaillierte Vorschläge gemacht, die bei der alten Bundesregierung aber nicht auf Gehör gestoßen waren.

Weiterer Knackpunkt: Die gesetzliche Stromkennzeichnung eröffnet Anbietern die Möglichkeit, sich umweltfreundlicher darzustellen, als sie wirklich sind. Denn der Wert für "Erneuerbare Energien, gefördert nach dem EEG" bezieht sich auf den Stromverbrauch im Versorgungsgebiet. Der in der Stromkennzeichnung zum Vergleich gegenübergestellte Bundesmix bezieht sich aber auf die Stromerzeugung. Diesen Systemfehler nutzen viele Unternehmen in ihrer Öffentlichkeitsarbeit mit der Behauptung, der von ihnen gelieferte Strom enthalte einen höheren Anteil an erneuerbaren Energien als der bundesweite Durchschnitt. Jeder vierte Versorger erweckt den Eindruck, er beschaffe für seine Kunden mehr Grünstrom, als er es tatsächlich tut. So das Fazit der Untersuchung Faktencheck Strommix, die ein Bündnis aus Deutscher Umwelthilfe, Robin Wood, Greenpeace Energy, EWS Schönau, Naturstrom und Lichtblick im März 2017 vorgelegt hat.

"Dabei sehen wir hier nur die Spitze des Eisbergs", ist sich Gero Lücking sicher. Der Geschäftsführer für Energiewirtschaft beim Öko-Energieunternehmen Lichtblick legt noch eins drauf: "Das ist pure Verbrauchertäuschung und Etikettenschwindel, der ähnlich dramatisch ist wie die Schummelei bei den Abgaswerten von Dieselfahrzeugen." Peter Ahmels, Bereichsleiter Energie und Klimaschutz der Deutschen Umwelthilfe, prangert die aktuelle Gesetzesgrundlage an: "Der Gesetzgeber nimmt bewusst in Kauf, dass die Kennzeichnung von Stromtarifen nicht die Stromeinkaufspolitik der Anbieter abbildet." Um dem einen Riegel vorzuschieben, fordert das Bündnis eine Reform der Stromkennzeichnung. Sie müsse künftig wieder zu 100 Prozent dem Stromeinkauf entsprechen. "Auch für Strom muss gelten: Es darf nur das draufstehen, was drin ist", so Marcel Keiffenheim, Leiter Politik und Kommunikation bei Greenpeace Energy.

Doch der Etikettenschwindel geht noch weiter. Da sich die Herkunft von Strom, der beim Endkunden aus der Steckdose fließt, aus einem nicht verifizierbaren Mix aus Graustrom und Grünstrom zusammensetzt, können Stromanbieter zur Dokumentation ihres jeweiligen Grünstromanteils sogenannte Herkunftsnachweise direkt beim Grünstromerzeuger, über die Strombörse (EEX) oder spezialisierte Zwischenhändler erwerben. Diese Nachweise dokumentieren unter anderem, aus welcher Energiequelle der vom Erzeuger jeweils angebotene Strom stammt, wo die Erzeugeranlage steht und wie alt diese ist. Die hierfür genutzten Herkunftsnachweise belegen, dass der so dokumentierte Strom ins Netz eingespeist wurde. In aller Regel sind sie von der Beschaffung des eigentlichen Stroms losgelöst. Der Strom selbst wird allerdings zumeist an der Strombörse gekauft.

Das ist für Kunden, die auf Öko-Strom setzen wollen, erst einmal verwirrend. Ob Anbieter, die Herkunftsnachweise kaufen, tatsächlich einen Beitrag zum Umweltschutz leisten und die Energiewende fördern, ist nicht sichergestellt. Stammen die Herkunftsnachweise zum Beispiel aus alten Wasserkraftwerken, die im vergangenen Jahrtausend vornehmlich in skandinavischen Ländern und den Alpenländern erbaut wurden, leisten sie keinen Beitrag zum weltweiten Umweltschutz. Denn steigt die Nachfrage nach dieser Wasserkraft in Deutschland, fehlt das Angebot in den Erzeugerländern. "Dann hat man nur einen Verschiebebahnhof ohne positiven Nutzen für die Umwelt", kritisiert Udo Sieverding, Energieexperte bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Ein nachhaltiger Beitrag zum Umweltschutz und zur Energiewende könne nur dann geleistet werden, wenn der Öko-Strom aus neuen Anlagen stammt. Gleichzeitig besagt die Stromkennzeichnung selbst nichts über die allgemeine Unternehmensstrategie des Stromversorgers, zum Beispiel ob das Unternehmen selbst Kohle- oder Kernkraftwerke betreibt. Fazit des Verbraucherschützers: Die Kunden erwarten von den Unternehmen durch Strombezug und Geschäftspolitik einen nachhaltigen Effekt auf den Umweltschutz und die Energiewende. Doch diese Erwartung dürfte in den meisten Fällen enttäuscht werden.

Das sehen manche Trittbrettfahrer unter den Öko-Stromanbietern natürlich anders und schmücken sich zum Beweis ihrer Seriosität mit Gütesiegeln. Doch bei der Vielzahl dieser Labels ist es für die Kunden schwer bis nahezu unmöglich zu erkennen, welchen Wert sie haben. Da ist es gut, wenn allgemein anerkannte Siegel wie das OK-Power-Label des Vereins Energievision und das Grüner Strom Label Gold, dessen Träger Verbraucherschutz- und Umweltverbände wie der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) sind, die Spreu vom Weizen trennen. Stromtarife, die diese Prüfungen überstanden haben oder vergleichbare Zertifikate vorweisen, werden in die EcoTopTen des Freiburger Öko-Instituts aufgenommen, gefördert vom Bundesministerium für Umwelt. Die Freiburger untersuchen kontinuierlich, welche Öko-Stromtarife einen wirklichen Fortschritt für die Verbraucher und die Umwelt bieten. Bei Angeboten, die mit diesen Gütesiegeln ausgezeichnet sind, kann man davon ausgehen, dass sie den besten Standard bieten. Sie sind deshalb von ÖKO-TEST in der Zwischennote Testergebnis Tarif alle als "sehr gut" eingestuft.

Doch auch bei solchen Toptarifen mit Labeln wie OK-Power oder Grüner Strom stellt sich die Frage, ob die Anbieter nicht doch nebenbei auch konventionellen Strom aus Quellen wie Atomenergie oder Kohle verkaufen oder ob das Unternehmen aus ihrem Firmenverbund tun, die womöglich sogar Eigner oder Betreiber eines Atomkraftwerks sind. Deshalb hat ÖKO-TEST alle bundesweit angebotenen Tarife der EcoTopTen noch einmal genau unter die Lupe genommen. Denn nicht nur das ökologisch korrekte Produkt ist entscheidend, sondern auch die gesamte Geschäftsausrichtung des Anbieters und der mit ihm verbundenen Unternehmen.

Das Testergebnis

Sehr gut im Tarif reicht oft nicht. Von den 29 bundesweiten Öko-Stromangeboten der EcoTopTen, die für ihren Tarif alle als "sehr gut" eingestuft sind, erhalten nur 18 auch das Gesamturteil "sehr gut".

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Die Ökologie
Der Tarif soll einen ökologischen Zusatznutzen aufweisen, der über die Anforderungen des EEG hinausgeht. Das bedeutet, dass die Anbieter rund ein Drittel des verkauften Öko-Stroms aus Erneuerbare-Energien-Anlagen beziehen, die nicht älter als sechs Jahre sind. Alternativ können sie auch einen Teil des Strompreises in den Ausbau von regenerativer Stromerzeugung investieren. Der Nachweis kann durch eine Zertifizierung mit dem Ok-Power-Label oder dem Grüner Strom Label Gold erfolgen, alternativ durch unabhängige und fachkundige Gutachter.

Die Ökonomie
Die jährlichen Gesamtkosten der Öko-Stromangebote dürfen maximal 20 Prozent höher als der Durchschnittspreis für konventionelle Stromangebote sein. Die Preise können nach Verbrauchsmenge und Postleitzahlengebiet variieren.

Das konventionelle Stromangebot
Hier wurde untersucht, ob der Öko-Stromanbieter selbst neben zertifiziertem Öko-Strom parallel noch mit konventionellen Produkten am Markt ist und/oder das bei einer Firma aus seinem Firmenverbund der Fall ist.

Die Unternehmensstruktur
Ist der Anbieter unabhängig oder Eigentum oder Miteigentum anderer Unternehmen und welche Unternehmen gehören zum Firmenverbund?

Die Bewertung
Das Geld soll nicht bei Firmen landen, die auch konventionellen Strom verkaufen oder konventionellen Anbietern (teilweise) gehören. Dafür kann es kein "sehr gut" im Gesamtergebnis geben. Noch strenger sind wir, wenn dem konventionellen Angebot Atomstrom beigemixt wird oder ein AKW-Eigner/-Betreiber Teil des Firmenverbunds des Anbieters ist.

Video zum Thema

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ÖKO-TEST-Magazin 12/2017:

Öko-Stromtarife

Die Spreu vom Weizen trennen.

Verbraucher, die grünen Strom beziehen, möchten sicherlich keine Atom- oder Kohlekraftenergie unterstützen. ÖKO-TEST hat Öko-Stromtarife unter die Lupe genommen und empfiehlt, bei den Angeboten ganz genau hinzuschauen. Denn während manche Unternehmen ausschließlich Öko-Strom nach strengen Qualitätskriterien verkaufen, sind andere mit konventionellen Anbietern verflochten. In ihrem Portfolio sind dann auch Anteile von Atom und Kohle. Das ursprünglich für sauberen Strom gedachte Geld der Verbraucher landet damit bei Anbietern, die schmutzigen Strom produzieren.