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ÖKO-TEST Dezember 2017
vom

Gänse

Gans frei, Gans Fies

Wie erging es der Gans, die wir an Weihnachten als Festtagsessen in den Ofen schieben? Unser Test zeigt: Wenn sie in Deutschland gelebt hat, wahrscheinlich recht gut. Es geht aber auch anders. In Stopfmast mit Lebendrupf in Ungarn zum Beispiel. Zwei Gänseleben - ein Vergleich.

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23.11.2017 | Freiland, viel Platz, saftiges Gras auf der Weide und ein gesundes Federkleid: Das Leben einer Gans kann ganz schön schön sein. Wenn sie Glück hat. Und beispielsweise in Deutschland aufwächst. Dieses Glück hat aber nicht einmal jede fünfte Gans, die in Deutschland im Backofen landet. 80 Prozent der hier verkauften Gänse stammen aus Polen und Ungarn. Und besonders Ungarn beweist: Das Leben einer Gans kann auch ganz schön fies sein.

Ersetze "Freiland" durch Stall, "viel Platz" durch hohe Besatzdichten, "saftiges Gras" durch brutale Zwangsernährung und das "gesunde Federkleid" durch Lebendrupf. Weil in Polen zumindest die Stopfmast verboten ist, konzentrieren wir uns auf Ungarn. Und zeichnen hier das kurze Leben zweier Gänse nach, einer deutschen und einer ungarischen. Fiktiv? Ja. Selten? Nein. Jährlich leiden laut der Tierschutzorganisation Vier Pfoten in Ungarn allein rund zwei Millionen Tiere in der brutalen Zwangsmast. Zartbesaitete Menschen sollten jetzt weiterblättern, zum Test Wohlfühltees zum Beispiel.

Das Licht der Welt erblickt das deutsche Küken in einer Brüterei. Es pickt von innen gegen die Schale und drückt sie auf, sein Leben beginnt. Oft geht es schon in den ersten Tagen auf den Masthof, wo das Küken, weil es am Anfang noch sehr kälteempfindlich ist, in einem beheizten Stall heranwächst.

Auch das Leben der ungarischen Graugans beginnt in einer Brüterei. Unser Küken hat Glück - wenn man es denn so nennen will, angesichts dessen, was vor ihm liegt. Es ist ein Männchen. Und landet deswegen nicht gleich im Schredder. Auf dem Fließband wird sortiert, die Weibchen werden zerhäckselt, weil ihre Leber nicht so verfettet wie die ihrer Brüder. So spielt die Natur: Für die Stopfmast eignen sich weibliche Küken nicht, als Legehennen sind männliche unbrauchbar. Die Antwort der industrialisierten Massentierhaltung, in beiden Fällen: Tod an Tag eins.

Nach etwa sechs Wochen, wenn sein Gefieder ausgebildet ist, darf der deutsche Gössel auf die Weide. Im Stall ist er nur nachts, tagsüber lebt er draußen. Er frisst dort Gras und andere Pflanzen, die er findet. Abends, im Stall, gibt es zusätzlich Kraftfutter mit Sojaschrot, weil er sonst nicht schnell genug wächst. Schließlich soll der Gössel sein Schlachtgewicht von fünf, sechs Kilo bis Weihnachten erreichen. Oft ist das Importsoja gentechnisch verändert. Nur in der ökologischen Haltung ist Gen-Futter verboten.

Das ungarische Küken kommt in eine riesige Industriehalle und wird dort mit Tausenden anderen männlichen Küken in enge Käfige gesperrt. Jetzt heißt es zunehmen. Dafür gibt es energiereiches Kraftfutter, auch in Ungarn meist mit gentechnisch verändertem Soja. Tageslicht gibt es im Stall keins; stattdessen werden die Tage mit Licht künstlich verlängert. Damit das Küken frisst, statt schläft.

Zurück auf die deutsche Weide: Unser Gössel ist zu einer Gans herangewachsen und lebt weiter tagsüber auf der Weide, nachts im Stall. Eine Schwimmmöglichkeit hat sie nicht. Nina Jamal von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten kritisiert: "Gänse sind Wasservögel und brauchen Wasser, um zu baden, gründeln und um ihr Gefieder pflegen zu können." Allerdings werden stehende Gewässer schnell zu Keimüberträgern, wenn das Wasser nicht regelmäßig gewechselt wird. Und weil das Arbeit und Geld kostet, verzichten viele Gänsehalter darauf. Bio-Gänse haben Wasserzugang.

Auch der ungarische Gössel ist jetzt zu einer Gans herangewachsen. Sie hat schneller zugenommen, als ihre Gelenke die unnatürliche Zunahme verkraften. Die Knochen sind deformiert, die Gelenke schmerzen bei jedem Schritt. Die Gans steht im Dunst ihrer eigenen Exkremente, der ständige Ammoniakduft hat ihre Augen entzündet. Ein Federkleid trägt sie nicht, auf ihrer Haut zeugen Verletzungen davon, dass ihr Arbeiter bereits zweimal ihre Federn herausgerissen haben. "Weil Lebendrupf Akkordarbeit ist und schnell gehen muss, gehen die Arbeiter alles andere als zimperlich mit den Tieren um", erklärt Jamal. Bis zu 3.000 Tiere könne ein Mensch innerhalb von fünf Stunden rupfen. "Dabei erleiden die Tiere teils schwere Verletzungen, deren Wunden ohne jegliche Schmerzausschaltung stümperhaft per Hand genäht werden", kritisiert die Tierschützerin.

Das Ziel ist die Federngewinnung für die Daunenindustrie. Besonders pervers: Je öfter die Tiere gerupft werden, desto feiner und deswegen wertvoller sind ihre Federn. Eigentlich ist Lebendrupf verboten in der EU, wie so vieles in der Tierhaltung eigentlich verboten ist. Das Schlupfloch hier: Während der Mauser verlieren die Gänse ihre Federn von selbst. Sie dann von ihrem Gefieder zu streifen, ist während dieser Zeit erlaubt. Viele Betriebe "raufen" während dieser Zeit alle Tiere - dass alle gleichzeitig mausern, ist aber völlig unrealistisch. Und so wird aus dem "Raufen" ganz schnell ein Rupfen. Nur weil die Gans bereits mehrfach Antibiotika bekam, lebt sie noch. In drei Wochen soll die Gans schlachtreif sein. Ihr langsamer Tod beginnt jetzt.

Der deutschen Gans geht es hingegen ganz gut. Nur nachts, im Stall, wird es langsam etwas eng. Je größer die Tiere werden, desto weniger Platz haben sie. Gänse sind sehr sensible Tiere, die schnell starke Aggressionen entwickeln, wenn sie zu sehr dicht an dicht leben. Sie verletzen sich dann gegenseitig. Rechtliche Vorgaben für die Besatzdichte gibt es nicht. "Die Größe oder Dichte der Herde sollte nicht zu groß zu sein", heißt es kurios-abstrakt in den Europaratsempfehlungen für Hausgänse. In der deutschen Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung sind Gänse gar nicht erst aufgeführt. Aber weil Gänse so aggressiv reagieren, gewähren ihnen die meisten Halter in Deutschland auch ohne gesetzlichen Zwang mehr Platz als Hühnern etwa.

Der ungarischen Gans rammt ein Arbeiter nun mehrfach am Tag ein Rohr tief in den Schlund, durch das er mit Druckluft Maisbrei und Fett in ihren Magen pumpt. Viel mehr, als sie jemals natürlich essen könnte. Die Leber ist überfordert, sie kann diese Unmengen an Fett nicht verarbeiten, und wächst. Und wächst. Damit die Gans die ganze Energie nicht gleich wieder verbrennen kann, ist sie in einem engen Käfig eingesperrt. Fieberschübe, Durchfall, blutige Ausscheidungen, innere Blutungen und Verletzungen am Schnabel und im Schlund sind nur einige der Folgen, die diese Zwangsfütterung für die Gans haben kann. Am Ende der etwa dreiwöchigen Qual wird ihre Leber etwa zehn Mal so groß sein wie die einer nicht zwangsgemästeten Gans. Wenn sie diese drei Wochen überlebt. Wie so vieles, klingt auch "krankhaft anschwellende Fettleber" auf Französisch ein bisschen nach netter Fahrstuhlmusik: "foie gras". Und weil diese wohl grausamste Form der Tierhaltung innerhalb der EU-Grenzen eben jene französische "Spezialität" hervorbringt, ist sie in Frankreich, Belgien, Spanien, Bulgarien und eben in Ungarn unter dem scheinheiligen Deckmantel der "Tradition" erlaubt. Die anderen EU-Länder haben die Stopfmast zwar verboten, den Verkauf des Qualprodukts jedoch erlaubt.

Zum Schlachter geht es jetzt, nach drei bis vier Monaten, für beide Tiere. Dort werden sie kopfüber an ein Förderband gehängt und im Wasserbad elektrisch betäubt. Betäuben, stechen, ausbluten ist die gängige Methode der meist maschinellen Tötung am Fließband. Natürlich sind nicht alle Tiere richtig betäubt, wenn sie gestochen werden. Dafür flattern einige zu wild herum, ihr Kopf taucht nicht richtig unter. Oder der Stromstoß ist nicht stark genug. Und nicht alle Tiere bluten so stark, dass sie daran noch während der Betäubung sterben. Offizielle Zahlen zu den "Fehlbetäubungsraten", wie etwa bei Schweinen oder Rindern, gibt es für Gänse nicht. Es gibt nicht einmal offizielle Zahlen zu der Anzahl geschlachteter Tiere. Sie werden allein in Tonnen geführt.

Nach etwa zehn bis 16 Wochen ist das Leben beider Gänse vorbei. In der freien Natur würden sie bis zu 20 Jahre alt.

Wir wollten genau wissen, wie die Gänse gelebt haben, die an Weihnachten auf unseren feierlich gedeckten Tischen landen und haben deswegen den Herstellern einen langen Fragebogen geschickt. Jede ihrer Angaben mussten sie belegen - etwa anhand von Stalltagebüchern, Lieferscheinen und tierärztlichen Dokumenten. In diesem Test konzentrieren wir uns auf die Haltungsbedingungen. Die Inhaltsstoffe haben wir nicht untersucht, weil das zeitlich nicht möglich ist - aufgrund der langen Untersuchungsdauer in den Laboren und der kurzen Zeit, in der Gänse vor Weihnachten verkauft werden.

Das Testergebnis Tierhaltung und Transparenz

Gans oben, gans unten: Die gute Nachricht ist die, dass es Gänse im Test gibt, denen es wohl kaum besser hätte gehen können - wenn ihnen am Ende der Schlachter erspart geblieben wäre.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Weihnachtsgänse sollten es sein, aus möglichst vielen verschiedenen Haltungsformen und Herkunftsländern. Ganz so einfach gestaltete sich der Einkauf allerdings nicht, weil die allermeisten Gänse aus Polen stammen, viele weitere aus Ungarn. Ansonsten gab es noch deutsche Gänse, besonders aus Bio-Haltung. Andere Herkunftsländer suchten wir vergebens. Weil die Überprüfung der umfangreichen Belege viel Zeit beansprucht und die meisten Gänse nur kurz vor Weihnachten verkauft werden, haben wir bereits vor einem Jahr eingekauft.

Die Tierhaltung/Transparenz
Wie hat die Gans gelebt, wie eng war ihr Stall, wie groß ihr Platz auf der Weide? Konnte sie ihren natürlichen Bedürfnissen nachkommen und schwimmen und ihr Gefieder säubern? Landete Genfutter in ihrem Trog? Und welche Medikamente hat sie bekommen? Wir wollten genau wissen, woher die Gänse stammen, die auf unserem Festtagstisch landen, und wie es um ihre Haltungsbedingungen stand. Die Hersteller haben deswegen einen umfangreichen Fragebogen von uns erhalten. Jede Angabe mussten sie mit Dokumenten wie Stalltagebüchern oder tierärztlichen Dokumenten belegen.

Die Bewertung
Wenn Hersteller nicht glaubhaft nachgewiesen haben, dass die Gänse nicht aus Stopfmast stammen und nicht lebend gerupft wurden, führt das zu strengen Abwertungen. Auch kein oder wenig Freilandzugang sowie enge Ställe mit großen Herden kritisieren wir. Zudem brauchen Gänse kein Chemiefutter, schon einmal gar nicht gentechnisch verändertes - ihnen reicht das, was sie auf der Weide finden. Wenn ein Hersteller nicht oder nicht konkret auf unseren Fragebogen eingeht, kann er nur auf einem "ungenügend" landen.

Video zum Thema

Video

ÖKO-TEST-Magazin 12/2017:

Weihnachtsgänse

Gans frei, Gans fies.

Viele Menschen tischen zu Weihnachten Gans auf. Wer dafür im Supermarkt Tiere aus Belgien, Ungarn, Frankreich, Bulgarien oder Spanien kauft, holt sich Gänse auf seine Festtafel, die in ihrem kurzen Leben oft grausam gequält wurden. Denn in diesen Ländern ist Stopfmast erlaubt; in Polen zumindest Lebendrupf an der Tagesordnung.