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ÖKO-TEST April 2016
vom

Falträder

Klappt nicht

Falträder lassen sich bequem in öffentlichen Verkehrsmitteln mitnehmen. Sie stehen für moderne, ökologische Mobilität. Im Test scheiterten aber leider zu viele Räder an der Norm, zudem sind Griffe und Sättel zu stark mit Schadstoffen belastet. Von neun Modellen fallen sechs durch.

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31.03.2016 | Für mich persönlich ist es die ideale Lösung", sagt Alexander Stockmayer über sein Faltrad. Der 47-jährige Netzwerktechniker pendelt fünf Tage in der Woche von Frankfurt am Main, wo er lebt, nach St. Leon-Rot in Baden-Württemberg zur Arbeit. Für die einfache Strecke von Tür zu Tür benötigt er etwa eineinhalb Stunden. Die meiste Zeit davon verbringt er in S-Bahn, Intercity oder ICE. Für die ersten und letzten Kilometer nützt er das, was ihm am praktischsten erscheint: ein Faltrad.

Wie viele andere Pendler hatte Alexander Stockmayer zunächst auf ein nicht faltbares Rad gesetzt. Doch das wurde am Bahnhof mehrmals Opfer von sinnlosem Vandalismus. Das konventionelle Rad mit in die Bahn zu nehmen, war ihm nicht möglich: In ICE-Zügen darf ein solches derzeit generell nicht mitgenommen werden. Laut Bahn ist dies erst im neuen ICE 4 möglich. Und für Fernverkehrszüge wie den Intercity benötigen Reisende eine Fahrradkarte sowie eine Stellplatzreservierung. Falträder hingegen gelten als Gepäckstück, man darf sie kostenlos mitnehmen, auch im ICE. "Das gab den Ausschlag", sagt Alexander Stockmayer rückblickend.

Auf der Suche nach einem passenden Rad half ihm, dass er klare Vorstellungen mitbrachte: Es sollte unter anderem über 24-Zoll-Reifen und eine Nabenschaltung verfügen. Sich im Vorfeld des Kaufs klarzumachen, wofür man das Rad nutzen will, sei wichtig, meint Edmund Bartsch. Der Fahrradhändler hat sich auf Falträder spezialisiert, in seinem Geschäft im bayerischen Utting am Ammersee warten nach eigenen Angaben fast 100 Modelle auf eine Probefahrt. "Die Vielfalt ist groß", sagt er. Ähnlich wie bei konventionellen Modellen könne man auch bei Falträdern zwischen ganz unterschiedlichen Ausführungen wählen, von Reiserädern mit Packtaschen und robuster Bereifung über Fitnessräder mit schmalen Reifen bis hin zu Mountainbikes und sogar Liegerädern - all das gibt es faltbar, natürlich auch E-Bikes.

Wie Alexander Stockmayer nutzen viele das Faltrad zum Pendeln, doch längst nicht alle. "Wir haben einen großen Anteil an Kunden, die mit Wohnwagen oder per Auto mobil sind", berichtet Edmund Bartsch. Diese brauchten das Faltrad für einen Urlaub oder wollten es für Wochenendausflüge in ihr Auto packen. Die entscheidende Frage, so der Faltrad-spezialist: "Wie und wo will man fahren?"

Falträder versprechen wie kein zweites Fahrzeug die Verbindung von Ökologie und Flexibilität, die ideale Vernetzung verschiedener Verkehrsträger. Und passen damit gut in eine Zeit von Abgasskandalen, Klimawandel und erhöhtem Umweltbewusstsein, in der dennoch jeder mobil sein will. Sind sie im Kommen? "Nach meiner Einschätzung hat der Bereich der Falträder in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Es sind auch Anbieter in Deutschland hinzugekommen", sagt Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV). Dennoch führen Falträder ein Dasein als Exoten: Ihr Anteil am Gesamtradmarkt liegt laut ZIV unter einem Prozent.

Da ist es kein Wunder, dass der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) mehr Menschen für das Faltrad begeistern will. Im Jahr 2012 entwickelte der ADFC zusammen mit dem Münchner Verkehrs- und Tarifverbund und dem Hersteller Tern ein besonderes Angebot: ein Faltrad zum Sonderpreis, das - wie auch andere Falträder - kostenfrei im Verbund mitgenommen werden kann. Das Modell hat seitdem mehrere Nachahmer gefunden, etwa in den Verkehrsverbünden Rhein-Ruhr, Rhein-Main und Hamburg. Ein weiterer Vorteil: Faltradfahrer können zeitliche Beschränkungen umgehen, die für nicht faltbare Räder in manchen deutschen Verkehrsverbünden gelten, etwa zu Stoßzeiten.

Als in den 1960er- und 70er-Jahren Klappräder in Mode kamen, waren Verbraucher erst begeistert, dann aber oft schwer enttäuscht. "Man hat sich zu Tode getreten, das ging mächtig schwer und war auch instabil", erinnert sich Edmund Bartsch. Allzu oft waren die Klappräder schlecht verarbeitet. "Damals sind wirklich viele Räder gebrochen", sagt rückblickend Ernst Brust, Geschäftsführer von Velotech, einem Prüfinstitut, das sich auf muskelbetriebene Fahrzeuge spezialisiert hat. Vom zweifelhaften Ruf ihrer klapprigen Vorgänger wollen sich die Falträder von heute schon allein durch den Namen abheben. Doch haben sie sich wirklich entscheidend verbessert?

Glaubt man den Experten, hat sich viel getan. "Die Übersetzung ist besser als früher und man sitzt auch nicht mehr so tief", sagt Edmund Bartsch. Allerdings besäßen Falträder in der Regel noch immer kleinere Reifen. Dies könne sich zum einen im Fahrkomfort bemerkbar machen, zum anderen sei deshalb auch der Verschleiß an Reifen und Felgen größer. Das merke aber allenfalls ein Vielfahrer, so der Händler. Auch für Fahrradprüfer Ernst Brust sind deutliche Unterschiede erkennbar: "Die Hersteller haben sich mehr spezialisiert und in den vergangenen 20 Jahren technologisch aufgeholt", analysiert er. Der Faltmechanismus sei überlegter als früher und auch die Schweißverbindungen als potenzielle Schwachstellen hätten sich insgesamt verbessert.

Gleichwohl mussten mehrere Hersteller in den vergangenen Jahren Falträder zurückrufen, unter anderem, weil minderwertige Schweißnähte zu Rahmenbrüchen geführt hatten (Tern, 2013) oder weil der klappbare Vorbau sich unerwartet öffnen konnte (B'Twin, 2014).

ÖKO-TEST wollte genau wissen, wie gut die neue Generation von Falträdern wirklich ist. Wir haben sie deshalb sowohl einem Praxistest nach Fahrradnorm unterzogen als auch einer umfassenden Schadstoffprüfung.

Das Testergebnis

... ist enttäuschend. So praktisch und ökologisch sie auch sein mögen, wir können derzeit nur zwei der getesteten 20-Zoll-Räder mit Abstrichen empfehlen. Drei bestehen den Test des Rahmens nach Norm nicht und fallen mit "ungenügend" durch. Sechs zeigten Mängel bei der Bremsprüfung. Hinzu kommt: Kein Schadstoffergebnis fällt besser aus als "ungenügend".

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Im Fahrradladen und über das Internet haben wir 20-Zoll-Falträder unterschiedlicher Preisklassen eingekauft. Für das günstigste haben wir 159,90 Euro bezahlt, das teuerste kostete zehnmal so viel. Im Test sind auch Räder bekannter nationaler und internationaler Hersteller.

Die Praxisprüfung
Alle Räder wurden in einem darauf spezialisierten Prüfinstitut untersucht. Die Experten prüften unter anderem, wie gut sich die Räder auf- und abbauen lassen und bewerteten das Fahrverhalten während einer Probefahrt. Außerdem prüften sie die Räder nach der Fahrradnorm DIN EN ISO 4210. Diese sieht einen Test der Bremsen unter trockenen und nassen Bedingungen ebenso vor wie sogenannte dynamische Prüfungen. Dabei werden Bremsvorgänge, das Aufsitzen auf den Sattel und das Fahren im Wiegetritt simuliert.

Die Inhaltsstoffe
Falträder, die nicht schon in einer der dynamischen Prüfungen durchfielen, haben wir auch in puncto Inhaltsstoffe bewertet. Dazu schickten wir Teile von Sattel und Griff in die Schadstoffanalyse, wo sie etwa auf Phthalate und andere Weichmacher untersucht wurden. Giftige zinnorganische und phosphororganische Verbindungen standen ebenso auf dem Prüfplan wie umweltbelastende chlorierte Verbindungen und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), von denen manche krebserregend sind.

Die Bewertung
Die Norm ist eine Mindestanforderung. Fiel ein Rad durch eine der dynamischen Prüfungen, ist das ein sicherheitsrelevanter Mangel, deshalb werten wir auf "ungenügend" ab. Auch auf die Bremsen muss man sich verlassen können, deshalb haben wir hier ebenfalls Normverletzungen abgewertet. Da Falträder vor allem sicher und zuverlässig sein müssen, macht die Praxisprüfung 70 Prozent des Gesamturteils aus. Schadstoffe sind weder in den Griffen noch im Sattel erwünscht, das Teilergebnis Inhaltsstoffe geht daher zu 30 Prozent in die Gesamtnote ein.

So haben wir getestet

Auf dem Prüfstand wurde getestet, ob die Vorder- und Hinterradbremsen der Räder genügend Gewicht halten.

So haben wir getestet

Bruchstelle: Während der Wiegetrittprüfung offenbarten mehrere Räder Schwachpunkte. Beim
B-Fold-Modell (Bild) brach der Rahmen an einer Schweißnaht.

So haben wir getestet

Unterschiedlichste Faltmechanismen sind auf dem Markt. Bei machen Rädern lässt sich der Rahmen dank eines Scharniers in der Mitte auseinanderfalten.