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95 Nicht reparierbare Produkte im Test

ÖKO-TEST August 2016
vom 28.07.2016

Geplanter Murks

Schrott lass nach!

Weil der Kunde schlank designte Geräte will, müsse man laut Hersteller in Smartphones, Leuchten und Co. Akkus und LED fest verbauen. Ärgerlich, wenn die dann frühzeitig den Geist aufgeben. Die Preisfrage: Reparieren oder Neukauf? Für die Entscheidung sind transparente Angaben der Anbieter notwendig. Aber die rücken nicht alles raus.

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28.07.2016 | Erbost steht der Kollege aus dem Nachbarbüro in der Tür. Seine knapp drei Jahre alte Spülmaschine sei kaputt, erzählt er. Aber nicht das Gerät an sich. Natürlich nur ein kleines Teil. Ein Plastikteil, das zwischen Startknopf und Platine verbaut ist. Und weil der Kontakt fehlt, der das Waschprogramm startet, türme sich jetzt das Geschirr in der Küche auf. "Einfach abgebrochen", sagt der Kollege. Das Ersatzteil für 54,95 plus 5,90 Euro Versandkosten ist schon geordert. Kopfschüttelnd verlässt er den Raum. "Was für ein Murks. Wie kann man nur ein hauchdünnes Stück Plastik unter einen Schalter bauen, der so häufig gedrückt wird?", höre ich ihn noch leise fluchen.

Berichte über vorzeitige Produktausfälle gibt es wie Sand am Meer. Unter dem Begriff "geplante Obsoleszenz" hat sich das Phänomen mutmaßlich von Herstellern geplanter Defekte schon vor Jahrzehnten einen Namen gemacht. Besonders dann, wenn Drucker, Waschmaschinen, Mixer und Co. kurz nach Ablauf der Garantie oder Gewährleistungsfrist kaputtgehen, unterstellen betroffene Verbraucher der Industrie, mit dieser dreisten Masche Neukäufe zu forcieren.

Beweisen lässt sich das nur schwer. Zwar kommt eine aktuelle Studie des Umweltbundesamtes zu dem Ergebnis, dass größere Haushaltsgeräte oder Laptops tatsächlich immer früher ausfallen oder etwa aufgrund des Wunsches nach neuen oder besseren Modellen ersetzt werden. "Geplante Obsoleszenz" als Strategie sei aber nicht zu erkennen. Verbraucherschützer unterstellen der Studie in seitenlangen Mängellisten gravierende Fehler. Einige Forscher meinen, die Studie wirke wie eine Entlastung der Hersteller. Die Industrie sieht sich durch die Studie gestützt.

"Behauptungen, dass es geplante Obsoleszenz im Sinne bewusst eingebauter Sollbruchstellen gibt, halte ich für Unsinn", sagt zum Beispiel Werner Scholz vom Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI). "Bei den Herstellern, die wir vertreten, ist geplante Obsoleszenz kein Thema", sagt Christian Herzog vom Digitalverband Bitkom. "Eine solche Bauweise ist aus ökonomischer Sicht auch völlig unsinnig, weil unnötig teuer", sagt auch Ökonom Christian Kreiß. Trotzdem, so der Aalener Hochschulprofessor, sei der Vorwurf keine wilde Verschwörungstheorie: "Geplanter Verschleiß, also eine bewusst geplante Verkürzung der Produktlebensdauer, ist eine Realität, die Produktentwickler nicht leugnen."

Dass die Lebens- beziehungsweise Gebrauchsdauer von Produkten planbar ist, haben mehrere Produktentwickler und Forscher im Gespräch mit ÖKO-TEST bestätigt. "Es wäre sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch unsinnig, ein Produkt auf fünf Jahre Haltbarkeit oder länger zu bauen, wenn man als Hersteller weiß, dass der Kunde es maximal drei Jahre lang nutzt", sagt Professorin Beate Bender (Ruhr-Universität Bochum).

Das klingt nachvollziehbar. Ändert aber nichts daran, dass diese Realität nicht nur bei gebeutelten Verbrauchern für Unmut sorgt, sondern auch manchen Produktentwicklern sauer aufstößt. "Viele Ingen

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So haben wir getestet

Die Produktauswahl
In immer mehr Produkten werden Akkus und Leuchtmittel fest verbaut. Gehen diese Verschleißteile kaputt, landet ein Gerät oder eine Leuchte auf dem Müll oder vergammelt im Keller oder einer Schublade. Wir haben uns gezielt auf diese Produkte konzentriert. Um einen Überblick über die Fülle an Produkten zu bekommen, haben wir elf Anbieter von Mobilgeräten (Smartphone, Tablets) sowie zehn von Elektrokleingeräten (Wohnraumleuchten, Rasierer, elektrische Zahnbürsten) angeschrieben und nach ihrem Sortiment befragt: Welche dieser Produkte sind aktuell auf dem Markt erhältlich? Bezogen auf diese Produkte haben wir um detaillierte Angaben zur geplanten Gebrauchsdauer, Akku- bzw. LED-Haltbarkeit und zur Reparierbarkeit gebeten. Außerdem haben wir sieben Mobilfunkanbieter zu den Optionen befragt, die Kunden bei einer Vertragsverlängerung haben. Wer bietet Angebote, die dem Kunden jedes Jahr ein neues Smartphone versprechen - und leistet damit mutmaßlich einen Beitrag zur Überproduktion dieser Geräte?

Eine Frage der Transparenz
Verbraucher benötigen detaillierte Informationen, um Produkte besser vergleichen zu können. Wir haben die Anbieter nach den geplanten Gebrauchsdauern ihrer Produkte befragt, deren Berechnung im Entwicklungsprozess laut Produktentwicklern gängige Praxis ist. Außerdem wollten wir wissen, wie lange die fest verbauten Akkus und Leuchtmittel halten. Weil es Verbraucher gibt, die lieber reparieren statt neu zu kaufen, haben wir gefragt, ob der Austausch von defekten Akkus und Leuchtmitteln außerhalb der Garantie- bzw. Gewährleistungszeit eigenständig durch den Kunden möglich ist und wie teuer das werden kann.

Die Bewertung
Produkte mit fest verbauten Akkus und Leuchtmitteln kritisieren wir, da eine fehlende Möglichkeit zum Austausch eine kürzere Produktlebensdauer bedeutet. Dafür schätzen wir Transparenz und Offenheit, weshalb Anbieter, die unsere Fragen transparent beantwortet haben, sich hier keine Gedanken über schlechte Noten machen müssen. Anders diejenigen, die überhaupt nicht auf unsere Schreiben reagiert haben, konkret angebbare Daten oder simple Ja-oder-Nein-Fragen mit langen Erklärungen zu umgehen versuchten, auf das Betriebsgeheimnis verwiesen oder jeglichen Kommentar verweigerten.

So haben wir getestet

Hilfe bei einer Reparatur bekommen Verbraucher im Internet oder in Repair-Cafés, die sich in vielen Städten etabliert haben.