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ÖKO-TEST November 2017
vom

Rückentrainingsbücher

Schmerz lass nach!

Schnell soll es gehen. Und schmerzlos. "Das 5-Minuten-Rückentraining: In 8 Wochen stark und schmerzfrei" - mit Titeln wie diesem buhlen die Anbieter von Rückentrainingsbüchern um Leser. In unserem Test stießen wir auf erstaunliche Schwächen.

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26.10.2017 | Früher rieten Ärzte ihren Patienten bei Rückenschmerzen zur Ruhe. Heute ist Lehrmeinung, dass zu wenig Bewegung die Rückenmuskulatur schwächt und die Schmerzen verstärken kann. Studien belegen: Ein regelmäßiges Bewegungstraining ist wirksam. Jeden dritten Betroffenen, der an wiederkehrenden Rückenschmerzen leidet, kann das Training vor einem Rückfall schützen. Viele Trainingskonzepte sehen vor, dass Leidende ihren Rücken trotz Schmerzen fortlaufend sanft weiter bewegen. Sie sollen Übungen auch selbstständig in der Freizeit oder in den Pausen während der Arbeitszeit ausführen.

Kein Wunder also, dass der Markt für Bücher mit Trainingsprogrammen wächst. "Ohne Aufsicht eines Therapeuten oder Trainers zu Hause einfach mit den Übungen loszulegen, ist jedoch nicht ganz unproblematisch", warnt der Sportwissenschaftler Dr. Gereon Berschin von der Universität Passau. Eine zentrale Voraussetzung für das Training sei die Belastbarkeit. Selbst wenn es nur darum gehe, Beschwerden frühzeitig zu erkennen und sie zu bekämpfen, könnten bereits akute oder gar chronische Funktionseinschränkungen oder Schmerzsymptome die Belastbarkeit verringern. Besondere Vorsicht sei geboten, wenn Betroffene akut wegen ihres Rückenleidens behandelt werden und mit dem Training noch Schlimmeres verhindert werden soll. "Hier ist die Belastbarkeit in der Regel deutlich reduziert und eingeschränkt", sagt Berschin. Von daher ist es nach Ansicht des Sportwissenschaftlers wichtig, dass die Bücher darauf hinweisen, für welche Zielgruppe das Übungsprogramm geeignet ist. Sie müssten auch erklären, was zu tun ist, wenn Schmerzen bei den Übungen entstehen oder stärker werden. Und sie müssen klare Aussagen darüber treffen, wann eine Übung abgebrochen werden sollte, weil eine Haltung nicht mehr gewahrt oder eine bestimmte Bewegung nicht mehr kontrolliert durchgeführt werden kann.

Was zeichnet darüber hinaus ein gutes Rückentrainingsbuch aus? "Ein zentrales Kriterium ist, ob es auch der nicht spezifisch gebildete Laie einsetzen kann", sagt Berschin. Die Bücher müssen gut erklären, wie das Training ablaufen soll, wie häufig, wie lange und wie intensiv die Nutzer trainieren sollen und was zu tun ist, wenn Trainierende sich über- oder unterfordert fühlen. Die Buchautoren müssen Übungen präzise und durch Abbildungen unterstützt beschreiben. Wünschenswert ist zudem, dass die Anleitungen die beabsichtigte Trainingswirkung und idealerweise auch den Schwierigkeitsgrad der Übung benennen. Entscheidend sind auch Hinweise, worauf zu achten ist, damit die Übung ihre gewünschte Wirkung erzielen kann.

Wir haben zehn Bücher eingekauft und sie zwei Experten, dem Sportwissenschaftler Gereon Berschin und dem Orthopäden Professor Hans-Martin Sommer, zur Begutachtung vorgelegt. Zusätzlich bewerteten Probanden - eine Gruppe von Sportstudierenden und Teilnehmern eines Rückengymnastikkurses - für uns die Bücher.

Das Testergebnis

Sehr durchwachsen. Das Ergebnis ist eher mittelmäßig. Neben einem "sehr guten" und drei "guten" Büchern stehen je zwei "befriedigende", "ausreichende" und "mangelhafte".

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Aus dem Angebot an Büchern zur Rückengesundheit haben wir zehn ausgewählt. Wir konzentrierten uns auf Bücher mit einem großen Anteil an praktischen Übungen. Die Übungen sollten möglichst ohne Hilfsgerät auszuführen sein - abgesehen von einer Matte und einfachen Mitteln wie einem Gymnastikball. Wir beschränkten uns auf Bücher, in deren Zentrum die klassische Rückengymnastik steht. Wir wählten eine Mischung aus Bestsellern und weniger bekannten Büchern. Als Grundlage dienten uns die bei Online-Buchhändlern angegebenen Verkaufsränge. Die Bücher sollten nicht teurer als 20 Euro und möglichst aktuell sein.

Die Prüfung
Wir ließen die Bücher aus sportwissenschaftlicher und orthopädischer Sicht sowie in einem Probandenversuch begutachten. Dr. Gereon Berschin, Dozent am Sportzentrum der Universität Passau, schrieb eine wissenschaftliche Expertise, beratend zur Seite stand ihm dabei Prof. Dr. Hans-Martin Sommer, Facharzt für Orthopädie und ehemaliger Lehrstuhlinhaber für Sportmedizin an der Universität Marburg. Die Experten prüften die Qualität der Aussagen zu Themen wie Anatomie, Rückenschmerz und Training. Sie beurteilten die Trainingseinheiten unter funktionell anatomischen Gesichtspunkten insbesondere in Bezug auf die Kräftigung und Dehnung der relevanten Muskeln. Sie kontrollierten, ob die Übungen nicht Fehl- oder Überbelastungspotenziale bergen und ob sie zu einer Verbesserung der Haltungsqualität führen. In einem Probandentest bewerteten 34 Teilnehmer eines Rückengymnastikkurses und 45 Sportstudierende die Bücher unter anderem hinsichtlich der Gestaltung, der Verständlichkeit des allgemeinen Teils und der Übungen sowie der Nützlichkeit der Abbildungen und der zeitlichen Realisierbarkeit des Programms.

Die Beurteilung
Der erste Eindruck, die Handhabung und Verständlichkeit sind wichtig. Ob das Trainingsprogramm aus sportmedizinischer Sicht jedoch zu empfehlen ist, war uns noch wichtiger. In das Gesamturteil fließt das Urteil der Experten zu 90 Prozent und das der Probanden zu 10 Prozent ein.

So haben wir getestet

Klar und präzise? Unsere Experten prüften die Übungsbeschreibungen sehr genau.