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ÖKO-TEST Januar 2018
vom

Lippenpflege

Bitterer Beigeschmack

Erdölbasierte Kosmetikinhaltsstoffe sind billig und in großen Mengen verfügbar. Aber sie können krebserregende Verunreinigungen enthalten. Besonders gefährlich ist das in Lippenpflege, von der wir eine ganze Menge verschlucken.

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28.12.2017 | Wenn es um Erdöl geht, denken die meisten vermutlich zuerst an arabische Ölscheichs oder riesige Offshore-Förderplattformen, über denen das Damoklesschwert einer Umweltkatastrophe schwebt wie die Möwen über dem Fischkutter. Doch Erdöl hat auch einen festen Platz in unseren Badezimmern. Nicht pur, sondern verarbeitet und in ausgefeilte Rezepturen eingebettet, versteckt es sich hinter Namen wie Paraffinum Liquidum, Petrolatum oder Cera Microcristallina.

Kosmetikhersteller loben die Paraffine wegen ihrer Stoffeigenschaften. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Erdölprodukte in Kosmetika gerne eingesetzt werden, weil sie billig und in großen Mengen verfügbar sind. Und dass sie krebserregende Bestandteile enthalten können. Fast schon harmlos wirkt da die Tatsache, dass Paraffine in Cremes und Co. umstritten sind, weil sie sich nicht so gut ins Hautgleichgewicht einfügen wie etwa natürliche Öle und Wachse.

Verbraucher nehmen das, oft unwissentlich, hin. Aber Erdöl wissentlich zu essen, das ginge uns dann doch zu weit. Oder? Nun ja, immerhin reiben es sich viele von uns - aufgereinigt, in Form gebracht und leicht aromatisiert - tagtäglich als Lippenpflege auf die Münder. Einige der bekanntesten Marken wie Labello, Bebe oder Carmex setzen nach wie vor auf mineralölbasierte Hauptinhaltsstoffe. Insgesamt schlecken wir in einem Jahr bis zu 20 Gramm der Pflegeschmiere von unseren Lippen, wie das wissenschaftliche Beratergremium der EU-Kommission (SCCS) berechnet hat. Umso genüsslicher, wenn wohlschmeckende Süßungsmittel und Aromen wie Stevia, Vanillin oder Saccharin zugesetzt sind. Geht man von fünf Gramm aus, in etwa der Inhalt eines handelsüblichen Pflegebalsams, futtern wir ganze vier Stifte pro Jahr.

Da kommt eine ganze Menge Mineralöl zusammen: Immerhin bestehen manche der Produkte fast zur Hälfte aus gesättigten Mineralölkohlenwasserstoffen (MOSH/POSH). MOSH reichern sich im menschlichen Fettgewebe und der Leber an und haben in Tierversuchen zu Organschäden geführt. Für POSH hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) eine gesundheitliche Bewertung bislang nicht vorgenommen. Da POSH sich aber schon in der Analyse nicht sicher von MOSH trennen lassen, ist es wahrscheinlich, dass sie sich ähnlich verhalten. Erdölbasierte Inhaltsstoffe können außerdem aromatische Mineralölkohlenwasserstoffe (MOAH) enthalten. In diesen wiederum können Bestandteile stecken, die schon in kleinsten Mengen krebserregend wirken können.

Was in Lebensmitteln meist als Verunreinigung von außen eingetragen wird, nehmen die Hersteller in Kosmetikprodukten mit dem gezielten Einsatz erdölbasierter Inhaltsstoffe billigend in Kauf. Laboruntersuchungen zeigen immer wieder: So gut gereinigt, dass keinerlei MOAH mehr nachweisbar sind, werden Petrolatum und Konsorten nur in seltenen Fällen. Zwar gibt es vor allem auf Herstellerseite Stimmen, die sich gerne darauf berufen, ein krebserregendes Potenzial sei nur für bestimmte MOAH-Fraktionen bewiesen. Doch das lasse nicht den Rückschluss zu, andere Verbindungen seien unbedenklich, betont unter anderem das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Münsterland-Emscher-Lippe.

In der EU-Kosmetikverordnung ist der Einsatz von Mineralölen insofern reguliert, als besonders problematische Verunreinigungen verboten sind. MOAH gehören zu den Stoffen, die in Kosmetik nicht bewusst eingesetzt werden dürfen. Das BfR hatte 2015 in einer Stellungnahme zu Mineralöl in Kosmetik festgestellt, dass die Rohstoffe so gut aufgereinigt werden können, dass nur noch 0,0001 Prozent MOAH nachweisbar sind. Inzwischen rudert das Bundesinstitut aber zurück und gibt an, dass unvermeidbare Rückstände je nach Ausgangsstoff zwischen 0,001 Prozent und sogar einem einstelligen Prozentbereich liegen könnten.

Realität ist, das zeigen auch Untersuchungen von ÖKO-TEST: Bis zu fünf Prozent MOAH sind in Kosmetika keine Seltenheit. Aber vor allem in Lippenpflege, die teilweise verschluckt wird, sollten saubere Rohstoffe ein Hauptanliegen der Hersteller sein. Konsequent und sinnvoll wäre es da, in den Rezepturen ganz auf erdölbasierte Inhaltsstoffe zu verzichten.

Solange Hersteller sie weiter einsetzen, könnte man sich zumindest für Lippenpflege an Maßgaben aus dem Lebensmittelbereich orientieren. Doch auch hier stockt die Regulierung. Offizielle Grenzwerte gibt es bislang nicht. Lediglich ein Übergang aus Verpackungen von nicht mehr als 0,5 Milligramm MOAH je Kilogramm Lebensmittel wird diskutiert. Immerhin, eine konkrete Zahl. Die in Lippenpflege nachgewiesenen Mengen überschreiten diese allerdings um ein Vielfaches. Das moniert auch die Europäische Verbraucher Organisation (BEUC), die Anfang November die EU-Kommission aufforderte, einen Grenzwert für problematische Mineralölbestandteile in Lippenpflege festzulegen. Auf unsere Nachfrage hin zog sich die Kommission allerdings auf allgemeine kosmetikrechtliche Aussagen zurück. Bis der Gesetzgeber bedenkliche Mineralölbestandteile in Kosmetik reguliert, landet wohl noch eine Menge davon auf unseren Lippen.

Einfach hinnehmen wollen wir diese Untätigkeit nicht. Deshalb haben wir 24 Lippenpflegeprodukte in die Labore geschickt und sie unter anderem auf Mineralölkomponenten untersuchen lassen.

Das Testergebnis

Natur (ist) pur: In fast allen paraffinhaltigen Produkten steckten auch MOAH. In allen Naturkosmetikprodukten, die auf natürliche Öle und Wachse setzen, ließen sich keine Mineralölbestandteile nachweisen. Mineralölfunde und einige andere Mängel sorgen dafür, dass sechs Produkte mit "mangelhaft" und drei sogar mit "ungenügend" abschneiden. Immerhin: 13 Lippenpfleger sind "sehr gut"

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So haben wir getestet

Der Einkauf
Lippenpflege gibt's wie Sand am Meer: in Drogerien, Apotheken, in Onlineshops und Bio-Läden. Wir haben insgesamt 24 Produkte ausgewählt; bezahlt haben wir zwischen 65 Cent und 8 Euro pro Stift, Kugel oder Tube.

Die Inhaltsstoffe
Basieren die Fettstifte auf Erdöl oder auf natürlichen Fetten und Wachsen? Sind diese Inhaltsstoffe mit problematischen Bestandteilen verunreinigt? Wir haben alle Produkte im Labor auf MOSH/POSH und MOAH untersuchen lassen. Außerdem auf halogenorganische Verbindungen, Duftstoffe und viele weitere Parameter.

Die Weiteren Mängel
Auch die Verpackung haben wir uns genauer angesehen. Finden sich auf den Umhüllungen der mit Sonnenschutz ausgelobten Stifte Anwendungshinweise zum verantwortungsvollen Sonnenbaden? Und wenn nicht, wie nötig ist eigentlich eine Schutzhülle aus Pappe oder Plastik? Enthält diese am Ende sogar schädliche Substanzen wie chlorierte Verbindungen? All das haben wir untersucht.

Die Bewertung
Empfindliche Abzüge gab es vor allem für problematische Mineralölbestandteile. Denn diese werden bei Lippenpflegeprodukten nicht nur auf die Haut gerieben, sondern in nicht unwesentlichen Mengen verschluckt. Bedenkliche UV-Filter und Duftkomponenten, die Allergien auslösen können, sorgten ebenfalls für Abwertungen. In manchen Fällen wirkten sich auch die Weiteren Mängel auf das Gesamturteil aus.

So haben wir getestet

Müssen deklariert sein: Erdölbasierte Inhaltsstoffe verstecken sich hinter Namen wie Petrolatum, Cera Microcristallina oder Paraffinum Liquidum.

Video zum Thema

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ÖKO-TEST-Magazin 1/2018:

Lippenpflegemittel

Bitterer Beigeschmack.

Wenn es um Erdöl geht, denken die meisten vermutlich zuerst an Förderplattformen. Doch Erdöl hat auch einen festen Platz in unseren Badezimmern. Nicht pur, sondern verarbeitet und in ausgefeilte Rezepturen eingebettet, versteckt es sich hinter Namen wie Paraffinum Liquidum. In Kosmetik werden Paraffine gerne verwendet, weil diese billig und in großen Mengen verfügbar sind. Doch sie können auch krebserregende Bestandteile enthalten. ÖKO-TEST wollte wissen, wie das bei Lippenpflegeprodukten ausschaut, und hat 24 Marken ins Labor geschickt. Denn gerade bei dieser Produktkategorie hat das Thema eine große Relevanz. Was denken Sie: Wie viel Lippenpflege schleckt man sich jährlich von den Lippen? Das wissenschaftliche Beratergremium der EU-Kommission hat berechnet, dass es im Schnitt bis zu 20 Gramm sind - im Schnitt futtert man also bis zu vier Stifte pro Jahr.