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ÖKO-TEST Dezember 2016
vom

Verdauungsmittel mit Artischocke

Pupsig

Seit Jahrzehnten überliefert der Volksmund, die Artischocke lindere Verdauungsbeschwerden. Auch die Pharmaindustrie verkauft die Heilpflanze in Pillen, die den Magen beruhigen und die Verdauung anschieben sollen. Unser Test von 30 Präparaten entzaubert den Mythos.

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24.11.2016 | Ein unangehmer Pups entweicht dem nächsten. Der Bauch grummelt, zwickt, drückt oder brennt. Schlimmstenfalls alles gleichzeitig. Doch auch nach gefühlten Stunden auf dem Örtchen regt sich nichts. Dabei war die Schlemmerei ein wahrer Genuss. Jeder kennt das. Worte darüber treiben meist die Röte ins Gesicht. In einer Befragung von mehr als 2.000 Bundesbürgern im Jahr 2006 gab immerhin jeder Siebte zu, wöchentlich unter stärkeren Blähungen zu leiden. Jeden Zehnten peinigen alle sieben Tage Schmerzen im Unterleib.

Ein fetter Braten oder ein Käsefondue, Süßspeise auf Süßspeise: Gerade nach ausschweifendem Essen treten Magenbeschwerden auf. "Betroffene empfinden Schmerzen, Druck, Blähungen und Krämpfe im oberen Bauchbereich bis zum Nabel", erläutert Professor Peter Layer von der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS).

Um die Ursachen des Leids einzugrenzen, seien Erkrankungen wie Geschwüre, Gastritis oder Gallensteine auszuschließen. Chronisch werde es, wenn der Magen länger als drei Monate Probleme macht.

Rebellieren Magen oder Darm, spielt offenbar das "Bauchhirn" verrückt. "Es reicht vom Schlund, über den Magen und Darm bis zum After", erklärt Layer. Dieses Nervengeflecht mit etwa gleich vielen Zellen wie das Rückenmark steuere weitgehend eigenständig die Verdauung. Zudem übernehme es auch die Wahrnehmung: "Beispielsweise wird beim Essen verspürt, wie die Mahlzeit in den Magen gleitet und Sättigung eintritt." Danach empfinde der gesunde Mensch aber erst wieder, wenn es zum Stuhldrang kommt. In der Zwischenzeit melde der Bauch dem Gehirn aber ständig weiter, wie es ihm ergeht. Wer unter funktionellen Magenproblemen oder Reizdarm leidet, fühle "dieses Signaldauerfeuer" dann plötzlich zum Teil bewusst.

Das sensiblere Empfinden beruht Layer zufolge meist auf einer Schwächung der Darmschleimhaut-Barriere: "Sie filtert dann nicht mehr richtig." So könnten auch Stoffe durch die Darmwand dringen, die die Nerven im Bauch nachweislich irritieren. Nicht nur die Wahrnehmung von kleineren Krämpfen, Druckschmerzen und Blähungen sei dadurch erhöht. Ein so irritiertes Bauchhirn bremse die Verdauung auch physisch. Die ohnehin schon Stunden dauernde Verarbeitung kalorienreicher Speisen werde zusätzlich verzögert: "Es kommt zum anhaltenden Völlegefühl, oft sogar mit Übelkeit und Brechreiz."

Damit es wieder flutscht, empfiehlt der Volksmund seit Jahrzehnten Artischocke. Schon zu Zeiten Karl des Großen wurde sie als Arzneipflanze erwähnt. Stoffe in der Pflanze wie Cynarin sollen die Verdauung auf Trab bringen, den Fettstoffwechsel sowie Leber und Galle unterstützen. Auch das frühere Bundesgesundheitsamt bewertete Anfang der 1990er-Jahre Rezepturen aus den Blättern als wirksam, um Oberbauchschmerzen, Völlegefühl und Blähungen zu lindern.

Auch wir empfahlen Artischocken-Mittel zuletzt gegen Unterleibsbeschwerden - ein Drittel der Produkte sogar mit "sehr gut". Eine Handvoll Studien gab 2005 Hinweise darauf, dass Artischocke bei Verdauungsproblemen helfen kann. Ein Jahrzehnt später fordert die Wissenschaft allerdings stärkere Beweise, um zu einer Heilpflanze therapeutisch zu raten. Das hat auch die oberste Europäische Behörde für Arzneimittelsicherheit erkannt und sich die Artischocke noch einmal genau angeschaut. Grund genug für ein ÖKO-TEST-Update: Bringen Artischocken-Mittel etwas? Wir haben 30 überprüft.

Das Testergebnis

Eine Bauchlandung: Für 22 Arzneimittel gibt's "mangelhaft", für eins "ungenügend". Auch die sieben Nahrungsergänzungsmittel fallen komplett durch.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Einkauf
Wir haben 30 Mittel mit Artischocke in Apotheken und Drogerien eingekauft, die bei Verdauungsbeschwerden helfen sollen. Das teuerste Präparat kostete 20,78, das billigste 1,99 Euro. Darunter sind sieben Nahrungsergänzungsmittel sowie 23 pflanzliche Arzneien. Verkauft werden die Produkte als Kapseln, Dragees, aber auch als Brausetabletten und Saft.

Wirksamkeit und Nutzen
Hilft Artischockenblätterextrakt, wenn der Bauch drückt, schmerzt und grummelt? Diese Frage hat für uns Professor Manfred Schubert-Zsilavecz beantwortet. Der Experte vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Universität Frankfurt beurteilte Wirksamkeit, Risiken und Nutzen der einzelnen Produkte. Zudem prüfte er die Beipackzettel und Produktinformationen.

Hilfs- und weitere Inhaltsstoffe
Hilfsstoffe formen die Tabletten und erleichtern die Aufnahme der Wirkstoffe in den Körper. Wir haben auf deklarierte problematische Farb- und Konservierungsstoffe geachtet.

Bewertung
Entscheidend ist, ob die Wirksamkeit von Arzneimitteln oder der Nutzen eines Nahrungsergänzungsmittels klar belegt ist. Fehlen aussagekräftige klinische Studien, kann es in der Beurteilung der Wirksamkeit und des Nutzens für den gesunden Verbraucher nur ein "mangelhaft" geben. Niedrige Dosierungen, fehlende Altersbeschränkungen und Warnhinweise führen dann schnell zum "ungenügend".

So haben wir getestet

Begutachtet die Artischockenpillen: Prof. Manfred Schubert-Zsilavecz.